Sulawesi - Tana Toraja

Wir sind von Makassar nach Palopo (Bua) geflogen, etwa 2,5 Stunden von Rantepao entfernt. Glücklicherweise wurden wir am Flughafen abgeholt und direkt zur Unterkunft "Ne Pakku Manja Toraja" gebracht, die sich etwa 6 km von Rantepao entfernt auf einer Höhe von etwa 900 m befindet. Rantepao liegt im wunderschönen Tana Toraja und ist von Reisfeldern und vom Karstgebirge umgeben. Der serpentinenartige Weg nach Rantepao hat uns landschaftlich sehr beeindruckt, auch wenn dieser mit einem Temperatursturz von über 10 Grad verbunden war. Wir wurden sehr herzlich von Meyske, der Guesthousebesitzerin, begrüßt. Sowohl Meyske als auch das Homestay haben uns auf Anhieb sehr gefallen. Das Haus liegt am Ende eines von Torajahäusern gesäumten Platzes. Diese Torajahäuser nennt man "Tongkonan", der Baustil dieser Häuser ist einzigartig und ist das Erkennungsmerkmal von Toraja. Wir sind in einer anderen für uns neuen Welt angekommen.

Am ersten Abend waren wir noch alleine im Homestay und konnten den besonderen Flaire der Räumlichkeiten sehr genießen. Wir haben Meyske als Guide für vier Tage gebucht und wir können schon jetzt verraten, das war eine super gute Entscheidung. Wir haben uns für Mopedtouren entschieden, allerdings als Beifahrerinnen, selber fahren erschien uns aufgrund der schlechten Straßenverhältnisse für zu gefährlich. Bereits am ersten Abend begeisterte Meyske uns mit einem wundervoll zubereiteten und perfekt dekorierten Essen (zwei Familienrezepte findet ihr unter „Rezepte“).


Die Torajas sind eine christliche Minderheit im muslimisch geprägten Indonesien. Bei den Torajas ist der Umgang mit dem Tod ein ganz anderer als bei uns. Wenn die Torajas nicht mehr leben, bleiben sie weiter ein Teil des Alltags ihrer Angehörigen. Teilweise werden Verstorbene über Jahrzehnte im eigenen oder in einem Torajahaus  aufgebahrt. Auf diese Weise können sie sich langsam und behutsam (Ablöse- und Heilungsprozess) von ihren Angehörigen verabschieden und das für die Abschiedszeremonie und deren Vorbereitung benötige Geld (Wasserbüffel, Schweine und Zeremonie) sammeln und ansparen. Bei den Torajas dreht sich sehr viel um den Wasserbüffel. Für ein Beerdigungsritual werden diese, die entweder auf dem Büffelmarkt in Rantepao ersteigert oder die sie als Beerdigungsgeschenk erhalten haben, als Opfergabe benötigt. Wenn man bedenkt, dass ein normaler Wasserbüffel durchschnittlich 3000 Euro kostet und das monatliche Durchschnittseinkommen der Einheimischen in der Regel bei circa 50 Euro liegt, dann wird einem natürlich bewusst, wie wichtig diese Tradition für die Menschen in Toraja ist. Nach unseren Maßstäben wirkt dieses Ritual vielleicht pietätlos und makaber, aber bei den Torajas ist es eine jahrhundertealte Tradition. Sie glauben, dass die Toten lediglich krank sind und erst durch die eigentliche Beerdigungszeremonie im Jenseits, im zweiten Leben nach dem Tod, sind. So eine Zeremonie kann bis zu sieben Tage dauern. Oftmals kommen hunderte Gäste und es werden sehr viele Wasserbüffel und Schweine geopfert. Die Beerdigungszeremonien finden in den Dörfern statt.


Nach einer sehr kalten Nacht begann unsere erste Tour mit dem Moped. Der zweite Mopedfahrer, Amir, stand schon bereit und erwies sich als sehr netter Guide. Die Tour begann mit einem Stopp bei einem hängenden Grab. Das war für uns die erste Begegnung mit einer so besonderen Grabstätte. In Toraja werden fünf Formen von Grabstätten unterschieden: Die erste ist eine Grabhöhle, die zweite ist das hängende Grab, die dritte ist ein Steingrab, die vierte ist ein modernes Grab und die fünfte ist das Babygrab (der sogenannte Babytree). Ein Grund für die Bestattung in Höhlen, ist der Gedanke, dass sie nicht wie Tiere in der Erde begraben werden wollen, da Tiere als solche eine „minderwertigere“ Art von Lebewesen sind und sie von Tieren nicht gefressen werden möchten. Sie dachten sich, wir müssen irgendetwas tun, um die Verstorbenen in ihren Särgen zu schützen. So hielten sie es für eine gute Idee, die Särge aufzuhängen. Doch schon bald wurde ihnen bewusst, dass es nicht allzu schwer ist, dort hinaufzuklettern und die Särge zu plündern. So haben sie angefangen, Grabhöhlen in die Felsen zu schlagen und die Särge hineinzulegen, um ihnen den gebührenden Schutz zu geben. Warum die Torajas diesen hohen Punkt für die Felsengräber ausgesucht haben, beruht auf einer kleinen Geschichte: Die Torajas glauben, dass ihr Vorfahre vom Himmel kam. Er stieg auf einer Treppe herunter und traf seine Frau, die bereits auf der Erde war. Als er auf der Erde ankam, ist die Treppe zusammengefallen. Das ist der Grund, weshalb die Torajas ein hohes Gebiet für ihr Begräbnis gewählt haben. Um so höher die Grabstätte gelegen ist, desto leichter ist es für den Verstorbenen ins "nächste (zweite Leben nach dem Tod) Leben" zu kommen. Es gibt auch immer Begräbnisbeigaben für den Verstorbenen. Dabei handelt es sich um Dinge, die der Verstorbene im nächsten Leben gebrauchen kann, wie z.B. Wasser, Zigaretten und Münzen. Die Menschen in Tana Toraja halten bis heute die Bedeutung ihrer Religion aufrecht und versuchen diese als Tradition weiterzugeben.

Den zweiten Stopp machten wir bei dem Babytree von Kambira. Voraussetzung für ein solches Begräbnis war, dass das Baby „rein“ ist, keine Zähne und keine Wunden hatte. Babys wurden bis circa zum sechsten Lebensmonat in einem Babytree beerdigt. Die Babys sollten mit dem Baum wachsen und wieder zur Natur werden. Es wurde ein ganz bestimmter Baum in Toraja gewählt, der sogenannte „Tarra Tree“. Dieser Baum sondert eine weißliche Flüssigkeit ab, die der Milch ähnlich ist. Die Babys wurden in Fötusstellung mit dem Gesicht zum Center des Baumes beerdigt. Die kleinen Türen im Babytree wurden aus leichterem Holz (Palmblättern) gemacht, damit Luft durchziehen konnte und der Fötus beim Wachsen, die Möglichkeit hatte, zu atmen und vom weißen Saft des Baumes genährt zu werden. Die Babys wurden mit dem Rücken zum Elternhaus beerdigt, damit der Geist des Babys nicht zurückkommen und in Ruhe mit dem Baum in Richtung Himmel und ins "zweite Leben" wachsen konnte. Aus diesem Grund wurde eine solche Beerdigung stets nachts vollzogen. Derartige Babybestattungen wurden nur in der Vergangenheit so durchgeführt, heute nicht mehr. Wir haben den größten Babytree in Toraja gesehen, der uralt und abgestorben ist und jeden Moment zu fallen droht. 

Der dritte Stopp war für uns die erste Höhlengrabstätte, die sogenannte "Tampang Aldo". In dieser Höhle waren wir von einer mystischen bis geheimnisvollen Stimmung umgeben. In dieser Grabhöhle befinden sich zahlreiche Särge, teils zerfallene und teils vom Herunterfallen zerbrochene Särge. Außerdem haben wir aus Holz geschnitzte Figuren, die sogenannten "Tau-Tau" gesehen, die die Kleidung der Toten tragen und nach deren Bild angefertigt wurden.

Am Ende des Tages schauten wir uns ein altes Torajahaus, ein "Tongkonan" an, das bis vor sechs Jahren von einer Schamanin bewohnt wurde, die es aber aufgrund ihres Alters nicht mehr bewohnen konnte. Am Beispiel dieses Torajahauses klärte uns Meyske über den Aufbau, die Einteilung und den Sinn des Hauses auf. Die vordere Spitze des Daches ist immer nach Norden und die zweite bzw. hintere Spitze nach Süden ausgerichtet und spiegelt somit das Leben und den Tod wieder. Denn der Norden steht für die Geburt (Leben) und der Süden für den Tod. Das Leben beginnt mit der Geburt, von der nördlichen Spitze und wandert dem Bogen der Dachstruktur entlang nach Süden bis zum Tod. Ursprünglich wurden alle Häuser dieser Art mit einer Dacheindeckung aus Stein gebaut. Davon sieht man heute allerdings ab, da jeder heruntergefallene Stein ersetzt werden musste und dies mit einer kostspieligen Zeremonie verbunden war. Heute dienen Tongkonan nur noch zur Aufbewahrung von Verstorbenen bis zu ihrer Todes- bzw. Abschiedszeremonie.

Am Ende jeden Tages sind wir nach Rantepao gefahren, um mit Meyske für das Abendessen einzukaufen und beim Automaten Geld zu holen. Rantepao ist eine geschäftige Stadt, die alles zu bieten hat, was man zum alltäglichen Leben benötigt, allerdings war sie ohne Mundschutz für uns kaum zu ertragen. Der Geruch von Benzin und Abgasen hing überall in der Luft. Trotzdem haben wir diese kurzen Aufenthalte genossen, da wir das Treiben der Einheimischen sehr gerne beobachteten. Indonesier sind sehr freundliche, aufmerksame und hilfsbereite Menschen. Sie haben immer ein Lächeln im Gesicht. Immer wieder fielen wir auf und wurden gerne angesprochen.


Der zweite Tag in Toraja begann mit Regen, der uns aber Dank unserer auffallend orangefarbenen Regencapes nicht daran hinderte, die zweite Tour mit den Mopeds zu starten. Wir besuchten eine Beerdigungszeremonie, die sehr groß war und fast einem Jahrmarkt glich. Als wir ankamen, wurden wir freundlichst von der Familie des Verstorbenen begrüßt und zu einem Platz geführt, wo wir mit Tee, Kaffee und Gebäck versorgt wurden. Wir haben der Familie des Verstorbenen zum Dank ein Gastgeschenk überreicht. Die mehr als 20 ausgewählten Wasserbüffel wurden auf einem zentralen Platz vorgeführt und einige von ihnen mit großer Ankündigung an die Gemeinden, Verwandten und Nachbarn verschenkt. Anschließend wurden sie in Form einer Zeremonie auf drei "Schauplätzen" geopfert. Der Preis für einen Büffel liegt bei durchschnittlich 3000 Euro, was deutlich macht, welch hohen Stellenwert ein Wasserbüffel für die Menschen in Toraja hat und wie kostspielig eine derartige Zeremonie sein kann. Wir haben dieser Zeremonie ca. 90 Minuten beigewohnt. Anschließend mussten wir dieses Erlebnis erstmal verarbeiten. 

Wir haben uns am gleichen Tag auch noch die Felsengräber von Londa angeschaut. Der Felsen liegt in einem sehr schönen Tal, das von nur sehr wenigen Menschen aufgesucht wird. Auch hier sind wieder die Tau-Taus zu sehen, die von oben auf einen herunterschauen. Sie sind kaum von wirklichen Menschen zu unterscheiden. Die Särge der eher etwas ärmeren Menschen liegen am Boden. Die Särge der höheren Kasten sind hingegen weit oben in Felsengräbern aufbewahrt. Wir wurden in das Innere der Höhle von einem netten Herrn mit einer Petroleumlampe begleitet. Auch in der Höhle haben wir wieder viele auf Felsen abgestellte Särge und Totenschädel sehen können. Viele der Särge sind bereits verwittert, so dass wir einen Blick auf Gebeine und Grabbeigaben (wie z.B. Zigaretten, Münzen) werfen konnten. Die Bilder wirken auf Euch vielleicht erschreckend und makaber, aber wenn man vor Ort ist und mit der Kultur vertraut gemacht wird, erscheint alles "selbstverständlich" und man kann den Verstorbenen mit Achtung und Respekt entgegentreten. Auch die Totenschädel und Särge strahlen in dieser Umgebung Ruhe und Zufriedenheit aus, die sich auf einen selbst überträgt. Für Meyske ist es an diesen Plätzen eine Selbstverständlichkeit, frei und ungezwungen zu sein. 


Der dritte Tag begann wieder mit einer Beerdigungszeremonie, in diesem Fall war es eine viel kleinere als am Vortag. Es handelte sich um den ersten Tag einer zweitätigen Zeremonie. Der Verstorbene war vor einer Woche "erkrankt" und wird bereits am zweiten Tag der Zeremonie zu Grabe getragen. Hier wurden viel weniger Büffel und Schweine geopfert, dies macht deutlich, dass die Familie nicht besonders wohlhabend ist. Für uns war es eine viel angenehmere und privatere Zeremonie. Auch hier sind wir vor Ort herzlichst von der Tochter des Verstorbenen begrüßt und zu einem Platz geführt worden. Wir waren wie am Tag zuvor, eingeladen, der Zeromonie beizuwohnen und mit der Familie zu essen und zu trinken. Auf dem ersten Foto kann man sehen, wie Meyske einen Papilong (mit Fleisch und Gemüse gefülltes Bambusrohr) öffnete. Zum Schluss durften wir einen Blick auf den Verstorbenen werfen, was, wie wir denken, eine große Ehre für uns war. Das Fleisch der Büffel und Schweine wurde portionsweise an Verwandte, Nachbarn und Gemeinde verteilt.

Anschließend haben wir die Höhle "Lombok" besucht. Ein fast mystischer Ort, der nur von sehr wenigen Touristen besucht wird. Hier haben wir unzählige Totenköpfe und bis zu 700 Jahre alte Särge gesehen, die zerstreut in dieser sehr beeindruckenden Grabhöhle liegen. Wir sind einem kleinen Weg durch die Höhle gefolgt und durch einen schmalen Gang wieder herausgetreten. Diese Höhle ist für Meyske das absolute Highlight. 

Bei unserem letzten Stopp des Tages haben wir mit Meyske ihre verstorbenen Verwandten in einem Torajahaus besucht. Drei Verwandte liegen dort seit unterschiedlich vielen Jahren fest in Tüchern eingewickelt. In diesem Fall ist der Grund für die noch ausstehende Beerdigungszeremonie nicht das fehlende Geld, sondern eine Unstimmigkeit innerhalb der Familie. Die Torajas beerdigen ihre Verwandten erst dann, wenn sie im Einklang mit ihrer Familie sind. Familie ist für die Menschen in Toraja das wichtigste auf der Welt.


Der vierte und letzte Tag in Toraja war leider noch verregneter als die letzten Tage, so dass wir auf eine Tour mit Auto umsteigen mussten und wir auf unseren liebgewonnenen Guide Amir verzichten mussten. Die Tour ging in die Berge im Norden Torajas (auf circa 1500 m Höhe). Die Straßen waren teilweise sehr schlecht zu befahren, da sie mit Schlaglöchern übersät waren und die Wolken die Sicht versperrten. Auf dem Weg in die Berge konnten wir endlich mal die Arbeiten auf dem Reisfeld fotografieren. Mit der Hand werden die Gräser geerntet und die Reiskörner ausgeschlagen. Eine sehr mühsame und kräftezerrende Arbeit. Die Landschaft ist absolut faszinierend und selbst bei bedecktem Himmel kamen wir aus dem Staunen nicht mehr raus. Reisfelder, die terrassenförmig angelegt und von Bergen umgeben sind.

Weiter im Norden wurden die Wolken immer dichter. Trotzdem sind wir zu dem größten Felsengrab gefahren, wo uns wieder die Art und Weise eines Steingrabes verdeutlicht vor Augen geführt wurde. Hier werden noch heute die Särge in Grabkammern, die in Felswänden gemeißelt werden, bestattet. In den kleinen Torajahäusern, die auf dem ersten Bild erkennbar sind, werden die Särge zu dem Felsen gebracht, was nur mit äußerst viel Manneskraft zu schaffen ist. Alle zwei bis drei Jahre werden die Särge aus den Steinhöhlen geholt, um die Verwandten neu zu kleiden.

Anschließend haben wir einen Verstorbenen "kranken Mann" besucht. Seine Frau erlaubte uns einen Blick auf ihren verstorbenen Mann zu werfen, der seit einigen Jahren weiterhin Bestandteil des Alltags der Familie ist. Wann die Bestattungszeremonie standfinden kann, stand noch nicht fest, da der Familie, das notwenige Geld fehlt. Das war ein ganz besonderer Moment und eine große Ehre für uns. Selbstverständlich haben wir aus Respekt vor der Familie keine Fotos vom Verstorbenen gemacht. Wir haben auch die Enkelkinder kennengelernt, die mit uns lachten und spielten, wie ihr auf den Bildern sehen könnt.

Das war unser letzter Tag in Tana Toraja. Wir sind sehr beeindruckt und verdanken Meyske eine wundervolle Zeit in Tana Toraja. Sie ist ein wundervoller Guide, eine großartige Köchin und für uns eine gute Freundin geworden. Für uns war die Reise nach Toraja ein unvergessliches Erlebnis. Die Philosophie dieser Religion faszinierte uns zutiefst.


Thank you  Meyske for a unforgettable time. Terima kasih Meyske atas waktu yang indah.

Auf die nächsten Berichte müsst ihr leider etwas länger warten, da wir die nächsten 30 Tage auf den Togian Islands offline sind. Wir werden aber fleißig schreiben, um Euch schnell wieder auf den aktuellen Stand zu bringen. Ihr hört von uns.

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Kommentare: 2
  • #1

    Meyske Latuihamallo (Samstag, 20 Juli 2019 08:06)

    I love you both....!!! And missed you already....��� Enjoy Togean Island....❤️❤️❤️

  • #2

    Astrid (Mittwoch, 31 Juli 2019 08:21)

    Faszinierende Erlebnisse und Infos! Ich bin echt begeistert und werde euch weiter "verfolgen" :o) Liebe Grüße aus dem Norden!